
„Veränderung muss man selbst wirklich wollen”

„Veränderung muss man selbst wirklich wollen”
Gemeinsam in Bewegung kommen
Wie kleine Schritte im Alltag Großes bewirken können
Aktivierung, Struktur und Beziehung sind zentrale Bausteine psychosozialer Begleitung. Wie gemeinsames Tun Spannungszustände reduzieren, Selbstvertrauen stärken und Gedankenspiralen unterbrechen kann, zeigt ein Besuch in der red.box von pro mente Jugend.
„Wenn wir die Jugendlichen in der Früh aufwecken, ist das Öffnen der Augen manchmal die erste Bewegung“, sagt Manuela Feichtner, psychosoziale Begleiterin bei pro mente Jugend. In der red.box beginnt Aktivierung oft genau dort: bei der ersten Unterhaltung am Morgen, beim vorsichtigen Ankommen im Tag. „Wenn das Gehirn noch müde ist, beginne ich eine Unterhaltung über die Bücher, Spiele oder anderen Gegenstände, die ich im Zimmer sehe – dadurch entsteht oft die Motivation, in den Tag zu starten. Oder ich empfehle den Jugendlichen z. B. einen kleinen Spaziergang zum in unmittelbarer Nähe gelegenen See.“ Â
Auf die Frage, was sie in Bewegung bringt, antworten Jugendliche der red.box: „Musik hilft mir sehr. Und wenn mich jemand motiviert oder einfach sagt: Komm, wir gehen jetzt – dann fällt’s leichter. Ich versuche auch, nicht so viel zu überlegen, sondern einfach klein anzufangen.“
Aktivierung im Alltag
Viele Jugendliche in der red.box erleben Phasen von Rückzug oder Antriebslosigkeit. Der Weg aus dem eigenen Zimmer kann sich weit anfühlen. „Da braucht es unsere Einladung und konkrete Angebote für die Tagesgestaltung. In der red.box gibt es viel zu tun, etwa das gemeinsame Kochen, und die Speiseplanung gehören dazu – kleine Schritte in Richtung Selbstständigkeit“, erklärt Manuela Feichtner. Dabei geht es mitunter um praktische Angelegenheiten – die Waschmaschine bedienen, Aufgaben im Haus übernehmen –, aber auch um handwerkliche und kreative Tätigkeiten oder eine Runde Schach zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit. Jede*r Jugendliche kann eigene Interessen einbringen.
Darüber hinaus gibt es täglich eine Stunde, in der bewusst Freiräume geschaffen werden für das, was persönlich Freude macht: trommeln, Klavier spielen, zeichnen, eine Geschichte schreiben oder Yogaübungen ausprobieren. Einmal pro Woche steht zudem eine Freizeitaktivität mit Bewegungsanteil am Programm, etwa Bowling, ein Ausflug zum Pferdehof und andere tiergestützte Angebote oder Klettern in der Halle. Auch die Arbeit im Garten – Hochbeete bepflanzen, Rasen mähen, ernten, gemeinsam Marmelade einkochen – erzielt sichtbare Ergebnisse und stärkt das Gefühl, etwas beitragen zu können.
Beziehung als Motor für Bewegung
„Beim Erdäpfelschälen entwickeln sich oft die schönsten Gespräche“, sagt Manuela Feichtner. Was beiläufig klingt, hat Methode: Bewegung entsteht im Tun. Der Fokus verschiebt sich weg vom Problem und hin zur gemeinsamen Tätigkeit. Es geht nicht um Leistung, sondern um Erfahrung – darum, wieder in Kontakt mit sich selbst und der Umgebung zu kommen. Gespräche ergeben sich nicht nur im Zuge angekündigter Termine, sondern beim Gehen, beim Kochen, beim Arbeiten. So kann ein Gefüge geschaffen werden, das Sicherheit gibt, ohne Druck aufzubauen. Themen dürfen auftauchen, müssen aber nicht Die Jugendlichen in der red.box meinen dazu: „Man fühlt sich weniger allein, erhält andere Perspektiven und hat zusammen einfach mehr Spaß.“
Bewegung als Ressource
Gemeinsame Aktivität wirkt nicht nur motivierend – sie gibt Halt. Viele Jugendliche sind in ihrem Alltag mit Unruhe, Überforderung oder kreisenden Gedanken konfrontiert. „Gemeinsame Bewegung hilft bei vielen Spannungszuständen. Aktivität übt einen großen Einfluss aus – wenn jemand sehr aufgeregt ist, können etwa eine Bewegungseinheit oder Zeichnen beruhigend wirken. Wenn wir wissen, was für unterschiedliche Persönlichkeiten hilfreich ist, schlagen wir das in Belastungsmomenten gezielt vor. Schon beim Einzug in der red.box wird ein Krisenplan erarbeitet, in dem festgehalten ist: Was hilft mir, wenn es schwierig wird? Musik hören ist zum Beispiel für viele Jugendlichen sehr wichtig, um der Gedankenspirale zu entkommen“, erklärt Manuela Feichtner. „Um ruhiger zu werden, helfen mir auch Atemübungen oder Sport, z. B. Liegestütze. Manchmal leg ich mich kurz hin oder schreibe die Gedanken aus dem Kopf“, erzählt ein junger Bewohner der red.box. Diese individuellen Strategien ermöglichen das Erleben von Selbstwirksamkeit. Die Jugendlichen erkennen: Ich kann etwas tun, wenn es mir schlecht geht. Ich bin nicht ausgeliefert. Ob Bewegung im Freien, kreative Tätigkeit, Musik oder bewusstes Durchatmen – all das kann festgefahrene Denkmuster durchbrechen und Distanz zum belastenden Augenblick schaffen.
Bewegung ist bei pro mente Jugend ein Angebot zur Stabilisierung. Die Kombination aus Struktur, Beziehung und bedarfsorientierten Aktivitäten bildet einen Rahmen, in dem persönliche Entwicklung gefördert wird.
„Beim Erdäpfelschälen entwickeln sich oft die schönsten Gespräche.“

red.box
Die red.box ist ein intensiv begleitetes Übergangswohnhaus für männliche und männlich gelesene Jugendliche und junge Erwachsene, die mit psychischen Belastungen oder Erkrankungen konfrontiert sind. Wir wissen, wie herausfordernd Übergänge sein können – besonders dann, wenn psychische Belastungen den Alltag zusätzlich erschweren. Die red.box bietet einen verlässlichen, geschützten Rahmen, in dem Stabilisierung, Struktur und persönliche Entwicklung möglich werden. Im Mittelpunkt steht eine professionelle Begleitung, die über das Wohnen hinausgeht: Gemeinsam mit dem multiprofessionellen Team werden Alltagskompetenzen gestärkt, Ressourcen sichtbar gemacht und realistische Perspektiven für Schule, Ausbildung oder Beruf erarbeitet. Die red.box steht für Verlässlichkeit, Beziehung und Entwicklung in einer Lebensphase, die oft von Unsicherheit und Neuorientierung geprägt ist.












