Winterliche Wohlfühlorte
Winterliche Wohlfühlorte

„Veränderung muss man selbst wirklich wollen“

Ich habe im Herbst 2020 in einer HTL begonnen. Gleich zu Schulbeginn kam es für die Oberstufe aufgrund der Corona-Maßnahmen zum Distance Learning. In dieser Zeit gab es in der Schule noch keine einheitlichen Plattformen und Konzepte, wie gearbeitet und kommuniziert wird; dies war für mich zu chaotisch. Ich schaffte es nicht, meine Aufgaben zu erfüllen – das schaffte ich noch nie –, ich konnte sehr aufmerksam sein, wenn ich in der Schule war, es gelang mir jedoch nicht, mich zu Hause den Schulaufgaben zu widmen. Außerdem fehlten mir die sozialen Kontakte in dieser Zeit sehr. Ich erfüllte in keinem Fach die Anforderungen, und schon bald war klar, dass ich die Schule abbrechen musste. Dann hatte ich gar nichts mehr zu tun. Ich habe dann viel geschlafen und am PC gespielt. Allmählich schlich sich eine Tag-Nacht-Umkehr ein. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, bei der ich lebte, begannen, sich Sorgen um mich zu machen. Sie organisierte für mich einige Reha-Angebote, die ich auch wahrnahm, jedoch änderte sich nach den Reha-Aufenthalten nichts an meiner Situation. Dann begann meine Mutter im Internet nach Hilfe zu suchen und stieß dabei auf die Homepage des Jugendwohnhauses red.box von pro mente. Sie fragte mich, ob ich das probieren möchte. In dieser Zeit war mir so ziemlich alles egal, auch, ob ich zu Hause schlafe oder woanders, also stimmte ich zu.

In der ersten Zeit in der red.box kann ich sagen, dass jeder Anfang ungewohnt ist: Man kennt keinen, jedoch weiß man, dass jeder aus einem bestimmten Grund hier ist. Daraus hat sich für mich ein gewisses Gemeinschaftsgefühl entwickelt, quasi eine Schicksalsgemeinschaft, man hat etwas gemeinsam, auch wenn das Gemeinsame nicht wirklich positiv ist. Mir fiel es schon immer leicht, mit anderen in Kontakt zu treten, Freunde zu finden. So ist es mir auch in der red.box gegangen. Meine Mitbewohner erlebte ich als sehr verständnisvoll; wir haben uns stets gegenseitig unterstützt.

Besonders gut getan hat mir am Aufenthalt in der red.box, dass immer jemand da war, man konnte ohne Aufwand jederzeit mit jemandem in Kontakt treten, die Gemeinschaft hat mir gutgetan. Außerdem fand ich wieder einen Rhythmus im Alltag, ich stand täglich morgens auf und nahm am Training in der red.box teil. Sehr oft meldete ich mich für das Haushaltstraining. 

Dort habe ich für alle Bewohner und diensthabenden Betreuer*innen das Mittagessen gekocht. Das war für mich sehr sinnstiftend. Ich habe viel gelernt – und habe verlernt, nur für zwei bis drei Personen zu kochen. Ich war weg von zu Hause, und das Wohnen in der red.box war für mich die Gelegenheit für einen Neustart. Diese Gelegenheit nutzte ich zum Glück.

Verändert hat mich der Aufenthalt, indem ich wieder einen anderen Tagesrhythmus etablieren konnte. Das neue „Normal“ war, dass man morgens aufsteht und etwas tut. Als ich aus der red.box ausgezogen war, war ich wieder einen Monat ohne Beschäftigung, das war sehr unangenehm für mich. Ich finde, dass mir der Aufenthalt geholfen hat, mich sprachlich besser auszudrücken; weiters konnte ich meine Gefühle auch besser artikulieren.

Ich habe aus der red.box außerdem gute Kochrezepte mitgenommen. Ich habe gelernt, dass nicht immer alles perfekt sein muss, damit es gut ist. Hilfe holen ist auch wichtig, dazu muss aber festgehalten werden, dass, egal wie viel Hilfe man angeboten bekommt, das nichts nützt, wenn man die Hilfe nicht annimmt; eine Veränderung muss man selbst wirklich wollen.

Nach der red.box zog ich zu meinem Vater. Ich war zu dieser Zeit in einer Ausbildung namens „Coders Bay“, danach konnte ich im IT-Bereich keine Arbeit finden, ich besuchte deshalb einen AMS-Kurs. Nun besuche ich seit einem Jahr die Abendschule HTL für Elektrotechnik, am Wochenende bin ich als Kellner in einem Gasthaus tätig. Den Grundstein dafür, dass ich das jetzt machen kann, habe ich während des Aufenthaltes in der red.box gelegt. Ich bin jetzt stabiler, ich hatte schon immer ein Streben nach Wissen, diesen Wissensdurst kann ich jetzt wieder verfolgen aufgrund der Stabilisierung durch die red.box.

Auf die Frage, was ich jungen Menschen mitgeben möchte, die in schwierigen Phasen sind, sage ich jetzt nicht die Klassiker wie „nicht aufgeben“ etc. Ich möchte dazu sagen, dass es wichtig ist zu akzeptieren: Wenn es einem schlecht geht, ist es auch möglich, Hilfe anzunehmen. Akzeptiert man das nicht, lebt man in einer Illusion; dann kann es nicht besser werden, da man die Wahrheit nicht kennt.