Sommerliche Wohlfühlorte

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Ständig vernetzt und doch einsam: Wenn soziale Verbundenheit fehlt

Allein sein ist nicht gleich einsam sein

Einsamkeit ist zunächst einmal etwas sehr Persönliches. Denn allein zu sein bedeutet nicht automatisch, sich einsam zu fühlen. „Alleinsein kann selbst gewählt sein und einem auch guttun. Einsamkeit hat eine andere Komponente: Sie ist nicht gewollt und geht oft mit dem Gefühl einher, daran selbst nur schwer etwas ändern zu können.“

Entscheidend ist nicht die Anzahl der Kontakte. Einsamkeit entsteht vielmehr dort, wo die Beziehungsqualität, die sich jemand wünscht, nicht mit den tatsächlich erlebten Beziehungen übereinstimmen. „Man kann sich auch in Gesellschaft, in Beziehungen oder umgeben von vielen Menschen einsam fühlen, wenn diese tiefe Verbundenheit fehlt. Wenn man sich nicht verstanden, nicht gesehen oder nicht gehört fühlt, helfen auch viele Kontakte nichts.“

Gerade im Jugend- und jungen Erwachsenenalter kommen Phasen hinzu, in denen soziale Beziehungen ohnehin stark in Bewegung geraten: der Übergang von der Schule in einen Beruf oder ein Studium, ein Wohnortwechsel und infolgedessen die Notwendigkeit, sich Freundschaften und ein soziales Umfeld neu aufzubauen.

Vernetzt – und trotzdem einsam?

Gleichzeitig gibt es heute mehr Möglichkeiten als je zuvor, miteinander in Kontakt zu bleiben. Messengerdienste, soziale Netzwerke und Online-Communities begleiten den Alltag vieler junger Menschen. Für Manuela Nemesch ist deshalb wichtig, Social Media nicht einseitig als Ursache von Einsamkeit zu sehen. „Jungen Menschen, die sich grundsätzlich schwertun, in Kontakt zu treten, kann das Digitale eine große Hilfe sein. Manche holen sich über einen Chat Unterstützung, weil für sie ein Telefonat oder persönliches Vorbeikommen gar nicht infrage käme.“ Auch für Jugendliche mit besonderen Interessen oder jene, die in ländlichen Regionen leben, können soziale Netzwerke Möglichkeiten eröffnen.

„Über Social Media finde ich viel leichter Gleichgesinnte. Ein Kontakt kann digital bleiben, wenn jemand weiter weg ist, oder sich irgendwann ins Offline-Leben übertragen.“ Gleichzeitig kann digitale Kommunikation persönliche Begegnungen auch verdrängen. Wer viel Zeit online verbringt, investiert womöglich weniger Zeit in Kontakte außerhalb des virtuellen Raums. Hinzu kommt der Vergleich mit anderen – besonders in einer Lebensphase, in der die eigene Identität erst gefestigt wird.

Wenn soziale Kontakte Kraft kosten

Einsamkeit ist nicht automatisch Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Hält sie lange an und wird als belastend erlebt, kann sie sich jedoch auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirken. Bei jungen Menschen, die bereits psychisch belastet sind, entsteht mitunter ein schwieriger Kreislauf: Sie wissen, dass Kontakte hilfreich wären, schaffen es aber kaum, die dafür notwendige Energie aufzubringen. „Viele wissen, dass ihnen soziale Kontakte – vor allem offline – guttun würden. Aber es ist anstrengend. Ich muss irgendwo hingehen, ich muss mich auseinandersetzen, ich muss ins Gespräch gehen. Das braucht Energie. Gleichzeitig brauchen und wollen sie diese Kontakte.“

Gerade deshalb kann es wichtig sein, solche Erfahrungen in einem geschützten Rahmen wieder zu ermöglichen. „Ich gehe raus, es kostet mich Kraft und Zeit, aber ich bekomme auch etwas zurück: den Austausch und die Erfahrung, dass ich anderen wichtig bin. Das macht einen Unterschied.“ Auch der Austausch mit anderen Jugendlichen kann entlasten. „Ich merke: Es gibt andere, denen es ähnlich geht. Andere haben vielleicht schon etwas ausprobiert, haben Ideen oder können erzählen, was bei ihnen  funktioniert hat oder nicht. Und ich selbst kann genauso Erfahrungen weitergeben und damit jemand anderem helfen.“

Gemeinschaft muss manchmal erst wieder gelernt werden

Genau an diesem Punkt setzt die Arbeit von pro mente Jugend an. Manche Jugendliche, die die Einrichtungen nutzen, hatten zuvor über längere Zeit kaum Kontakte außerhalb ihrer Familie oder verbrachten einen großen Teil ihres Alltags zurückgezogen in ihrem Zimmer. 

„Da geht es viel um Aktivierung: darum, Jugendliche wieder an Aktivitäten teilnehmen zu lassen – in der Freizeit, bei Tätigkeiten im Haushalt oder in einer Werkstatt, aber auch beim gemeinsamen Essen.“ Selbst scheinbar alltägliche Situationen können dabei ungewohnt sein. „Es gibt Jugendliche, die gemeinsames Essen kaum kennen.“

Gemeinschaft bedeutet zugleich nicht, dass alles immer harmonisch verläuft. Gerade das gemeinsame Bewältigen von Konflikten gehört für Nemesch zum sozialen Lernen. „Wo Menschen miteinander interagieren, gibt es Konflikte. Man muss lernen, sie zu lösen, sich auch selbst zu hinterfragen und manchmal etwas zu verändern. Auch das ist anstrengend – aber genau das können junge Menschen in einer Gruppe lernen.“

Im Rahmen der unterschiedlichen Angebote von pro mente Jugend entstehen dabei für manche Jugendliche erstmals wieder positive Erfahrungen mit Gleichaltrigen. „Viele unserer Jugendlichen erleben bei uns erstmals Beziehungen zu Gleichaltrigen, die nicht von Mobbing oder ähnlichen Erfahrungen geprägt sind. Das ist etwas sehr Wertvolles – und es kann Mut machen, sich auch außerhalb wieder auf andere Menschen einzulassen.“

„Ich kann etwas beitragen“

Besonders wichtig ist für pro mente Jugend die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Rückzug kann auch damit zusammenhängen, dass junge Menschen das Gefühl entwickeln, ihre Fähigkeiten, ihre Meinung oder ihre Anwesenheit würden ohnehin keinen Unterschied machen. „Da sind Gedanken wie: Ich kann nichts. Es interessiert eh niemanden, was ich tue oder sage. Genau diese gegenteiligen Erfahrungen wollen wir ermöglichen: Ich kann Dinge. Ich habe Stärken. Das, was ich beitrage, ist für andere wichtig.“

Dazu gehört auch, nicht nur Hilfe zu bekommen, sondern selbst etwas geben zu können. „Ich kann Tipps geben. Ich habe Dinge erlebt, die für andere hilfreich sein können. Ich kann Erfahrungen weitergeben. Dadurch entdeckt man auch neue Facetten an sich selbst und kann ein Stück über sich hinauswachsen.“ Dabei versteht sich pro mente Jugend bewusst als Begleitung. „Wir gehen ein Stück des Weges gemeinsam. Aber es darf nie passieren, dass Jugendliche glauben, ihre Erfolge seien nur möglich, wenn wir da sind. Wir wollen nicht das Ruder übernehmen. Sie sollen erleben: Das sind meine eigenen Erfolge – und ich kann auch später auf diese Erfahrungen zurückgreifen.“

Junge Menschen brauchen stabile Beziehungen – und Raum und Zeit

Was also braucht es, damit weniger junge Menschen einsam werden? Für Manuela Nemesch beginnt vieles bei verlässlichen Beziehungen. „Junge Menschen brauchen stabile Beziehungen, die auch dann da sind, wenn sie längere Zeit nicht anwesend sind oder wenn nicht alles reibungslos läuft. Es braucht Personen, die hinter einem stehen, oder Beziehungen, die einem den Rücken stärken – und in denen es gleichzeitig auch ums Fördern, Fordern und gemeinsame Arbeiten an Zielen geht.“

Ebenso wichtig sind Zeit und Räume, in denen Entwicklung möglich ist. „Es braucht einen Raum, um sich zu entwickeln, Zeit, um neue Erfahrungen zu machen, und einen Platz, an dem man Dinge ausprobieren kann. Die Jugendlichen haben selbst gesagt: einen Platz, an dem auch einmal Fehler passieren dürfen, ohne dass das gleich schlimme Konsequenzen hat.“ Gerade solche Orte werden jedoch weniger. Manuela Nemesch spricht etwa von fehlenden Jugendzentren und konsumfreien Treffpunkten – besonders im ländlichen Raum. Gleichzeitig sieht sie großes Potenzial in unkomplizierten Freizeitangeboten, bei denen unterschiedliche junge Menschen über gemeinsame Interessen zusammenkommen können.

Vom Ich wieder stärker zum Wir

Es braucht also Beziehungen, in denen sich junge Menschen gesehen, gehört und ernst genommen fühlen. Orte, an denen sie dazugehören können. Und die Erfahrung, dass ihre Anwesenheit einen Unterschied macht.